| www.bennoshuette.de - Bennos Hütte - das E-Zine aus Berlin | Erschienen in: Ausgabe 6, September 2000 - zurück zur Startseite |
Jakob (mat)
Der kleine Jakob, einer meiner vielen Enkel, hatte mich ins Herz geschlossen. Er
war der Sprössling unseres ältesten Sohnes Klaus, ein aufgeweckter Fratz, in dessen von
strohblonden Haaren bedeckten Köpfchen ein reger Geist wohnte. Wenn er zu Besuch kam,
brachte er regelmäßig ein Buch mit - es waren meist die Abenteuerromane, die auch ich
schon in meiner Jugend gelesen hatte -, aus dem ich ihm dann vorlesen sollte. Ich durfte
aber auch eigene Lesevorschläge machen und oft, wenn er einverstanden war, holte ich die
Bibel und erzählte dann die Geschichten von dem verrückten Mann Jesus und seinen zwölf
Jüngern, von den ewigen Zwistigkeiten zwischen David und Saul, von den abenteuerlichen
Reisen des Paulus.
So manches Mal musste ich über die Fragen meines Enkelkindes staunen. Sie konnten mich
beträchtlich in Verlegenheit bringen, mich, der ich doch die Heilige Schrift schon
jahrzehntelang studiert, sie ausgelegt, ja in ihr gelebt hatte. Ich erinnere mich da etwa
an die Geschichte von Jesus und der Sünderin. Jakob hatte sich gewünscht, dass ich ihm
vor dem Zubettgehen etwas aus dem Lukasevangelium vorlesen solle. Ich dachte mir nichts
weiter dabei, als ich das siebte Kapitel aufschlug und zu erzählen begann, wie die
weinende Sünderin mit ihren Tränen die Füße Jesu benetzte, sie mit ihren Haaren
trocknete und schließlich mit duftendem Öl salbte.
"Was ist eine Sünderin?", fragte der kleine Jakob mich, nachdem ich die
Geschichte zu Ende erzählt hatte. "Jemand, der etwas Schlechtes getan hat",
antwortete ich unsicher, denn Lukas hatte seinen Lesern leider keine Auskunft darüber
gegeben, was es genau mit dieser Frau auf sich habe. "Aber wie traut sie es sich, zu
dem lieben Jesus zu gehen, wo sie doch Schlechtes getan hat? Schämt sie sich nicht, erst
vor ihm zu weinen und ihm dann die Füße zu salben? Und wie kann Jesus einfach zu ihr
sagen: Deine Sünden sind dir vergeben? Ich verstehe diese Geschichte nicht."
Ratlosigkeit stand dem kleinen Jakob ins Gesicht geschrieben und ich selbst war in diesem
Moment ähnlich hilflos: Was für eine merkwürdige Story hatte Lukas da
niedergeschrieben. Ich ließ meine Gedanken in der Erinnerung versinken und langsam begann
ich diese Geschichte zu verstehen...
"Als ich jung war, Jakob - nicht so jung wie du, aber doch ist es schon viele Jahre
her -, da wurde ich nach langen Jahren Alleinsein mit einem sehr lieben Menschen
beschenkt, ein Engel hatte mich gefunden. Ein Engel, Jakob, das ist jemand, der dich ganz
in sein Herz geschlossen hat, der dich bejaht, der das Gute für dich will und dich vor
allem Bösen beschützt - so, wie deine Eltern für dich zwei Engel sind, oder deine
Großmutter, ja, so wie sie für dich ein Engel ist. Wir beiden, diese sehr liebe Frau und
ich, waren zwei solche Engel, die schützend die Flügel übereinander ausbreiteten."
Hier verstummte ich kurz, denn meine Erinnerung an diese Zeit übermannte mich, und ich
glaube, ein leichtes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.
"Dann aber kamen kummervolle Tage, die Nähe zwischen uns beiden verflüchtigte sich.
Meine Flügel sanken, mein klares Gefühl der Liebe wurde getrübt. Mein Herz verhärtete
sich, es wurde zu Stein. Ich floh vor mir selbst, suchte mir Sicherheit und Anerkennung an
anderen Orten. Und eines Tages erschrak ich: Konnte ich denn noch der Engel für diesen
Menschen sein, der mich so ins Herz geschlossen hatte? Alles schwankte in mir und das
kommende Unheil ahnend sprach ich zu mir: Nein, das könne ich nicht. Hatte ich das Maß
meiner Schuld noch nicht voll gemacht, so tat ich es jetzt. Ich kündigte die Liebe
zwischen uns beiden einseitig auf, tat es so, dass ich meinen Engel zutiefst
verletzte." Ich musste die Zähne zusammenbeißen nach diesen Worten, mein Blick
senkte sich. "Erzähle weiter, Großvati!", flüsterte Jakob.
"Ich war zu schwach, das Geschehene rückgängig zu machen. Ich war unfähig, meine
Schuld in ihrer Fülle zu erkennen. Gelähmt ließ ich mich von Tag zu Tag treiben. Ich
konnte leben, denn eine schützende Entfernung lag zwischen meinem liebsten Menschen und
mir. Der Schmerz, den er jetzt empfand, blieb mir in seiner Tiefe verborgen; mein inneres
Gefühl für ihn war überdeckt von dem trügerischen Genuss der gewonnenen
Freiheit."
"Das also ist die Sünde, Jakob: So an deinem Nächsten zu handeln, dass du ihn tief verletzt, sei es an seinem Leib, sei es an seiner Seele."
"Doch will ich weitererzählen, denn noch weißt du nichts von den Tränen der Sünderin. Die schützende Entfernung verlor sich, als ich in die Nähe meines geliebten Menschen heimkehrte. Ich kam an die Orte zurück, die der Schauplatz für unsere gemeinsamen Erlebnisse gewesen waren; ich sah all die Gegenstände wieder, die uns verbunden hatten; ich begegnete den vielen Menschen neu, die unsere gemeinsamen Freunde gewesen waren. Schließlich stand ich eines Tages meinem geliebten Menschen gegenüber. Und da erkannte ich: Alles hatte sich so verändert, dass ich nicht mehr würde sein geliebter Engel sein können. Und plötzlich erkannte ich: Meinem Engel stand ich als ein Mensch gegenüber, der ihn zutiefst verletzt, der ihm das Vertrauen genommen, der ihm die Geborgenheit entzogen hatte. Ich schaute mich um, und siehe, meine Flügel waren schmutziggrau, waren zerrupft und zerrissen. Der Engel, der ich für meinen liebsten Menschen immer sein wollte, war ich nicht mehr. Ich war gefallen, ich hatte zunichte gemacht, was uns beiden geschenkt war."
"Das also ist die Schuld, Jakob: Die volle Erkenntnis dessen, dass du Sünde auf dich geladen hast. Gegenüber dem anderen schuldig sein, Jakob, das heißt, Auge in Auge vor ihm stehend zu erkennen: Ich habe an dir gesündigt."
Ich holte tief
Luft - es klang wohl wie ein trauriger Seufzer, denn mein Enkelkind schaute mich
mitleidvoll aus seinen klarblauen Augen an. "Das also sind die Tränen der Sünderin,
Jakob. Im Angesicht Jesu schießen sie ihr in die Augen, sie rinnen heiß an ihren Wangen
herunter, tropfen auf die Füße des Mannes herab. Aber was tut die Sünderin jetzt, da
sie ihre Schuld erkennt? Was habe ich damals getan, als ich erkannt hatte, dass ich an
meinem Engel schuldig geworden bin? Wie konnte ich als gefallener Engel leben, so
beschmutzt und befleckt, so zersaust und zerrissen? Was geschah, war ein Wunder. Es fanden
sich Menschen, die mir aufhalfen, die mir Stück für Stück Sicherheit und Geborgenheit
schenkten; es fanden sich Wege, die Schuld zu tragen, sie abzutragen, sie zur Gänze
hinwegzutragen." "Kann das denn gehen, Großvati", fragte Jakob, und aus
seiner zarten Stimme klang ein vorsichtiger Zweifel, "kann das denn gehen: die Schuld
ganz bewältigen?"
"Ja, Jakob, wenn uns die Möglichkeit dazu geschenkt wird. Denn herbeizwingen lässt
es sich nicht, dass uns neue, unschuldigweiße Engelsflügel wachsen. Mir ist damals die
Rückkehr zurück in die Sicherheit und Geborgenheit geschenkt worden. Nach dem
Wiedersehen mit meinem geliebten Menschen spürte ich: Nimm dir Zeit, gehe in dich, gehe
aber zugleich auf die Menschen zu, die für dich Engel sind. Und es ließ sich ein Weg
finden, der mich zurück unter die Engelsmenschen führte. Ich mühte mich ab auf diesem
Weg; ich musste zäh und geduldig zugleich sein. Ich hatte das Schwierigste überstanden,
als ich nach einiger Zeit meinem geliebten Menschen wiederbegegnete, den ich so verletzt
hatte. Eine große Last wich, als ich vor ihm stehend meine Schuld bekennen konnte. Fest
in die sanften Augen dieser wunderbaren Frau schauend sprach ich:
Ich war als Engel zu dir gesandt, der schützend seine Flügel über dich ausbreitet, und
ich hatte in dir einen Engel gefunden, der mich ebenso in sein Herz geschlossen hatte.
Dann vergaß ich, dass ich als dein Schutzengel gesandt bin, vergaß es so sehr, dass ich
dich zu einer Unzeit über die Maßen verletzte, vergaß, dass ich alles, aber nur das
nicht gewollt hatte. Darin habe ich mich schuldig gemacht, dass ich vergessen hatte; darin
habe ich mich gegenüber dir schuldig gemacht, dass ich dich so schmerzlich verletzt
hatte. Ja, mein geliebter Mensch, ich habe es getan, ich habe keine Entschuldigung.
Du sollst aber gewiss sein, dass ich auf dem Weg zurück ins Engelleben bin. Du sollst
gewiss sein, dass, obwohl ich doch nicht mehr dein einer schützender und behütender
Engel bin, ich dennoch einer deiner freundlichen Engelshelfer sein möchte. Du sollst
gewiss sein, dass ich, so weit meine Kräfte reichen, ein rettendes Netz unter dir
aufspannen werde, wenn du Angst hast, ins Bodenlose zu fallen. Du sollst gewiss sein,
dass, so du noch einmal auf der Suche nach dem einen Schutzengel sein solltest, ich für
eine gemeinsame Zukunft offen bin, dass ich daran nicht zweifle: für diese gemeinsame
Zukunft ist uns eine unverlierbare Sicherheit und Geborgenheit verheißen."
"Das also ist das Bekenntnis der Schuld, Jakob: Dich vor den Menschen hinzustellen, den du verletzt hast, und einzugestehen, dass du dich ihm gegenüber schuldig gemacht hast. Und das ist die Bewältigung der Schuld, Jakob: Dass du nicht nur bekennst: Ich habe an dir gesündigt, sondern dir zugleich innerlich gewiss wird: Hinfort will ich nicht mehr verletzen, sondern diesen Menschen als einen Engel begleiten, an dem ich mich einst schuldig gemacht habe, für den ich aber jetzt und fortan nur das Gute will."
"Das war
ganz schön mutig von dir, Großvati, zu dem Menschen hinzugehen, den du so verletzt hast,
und vor ihm deine Schuld einzugestehen. Wenn ich etwas ausgefressen habe, dann verdrücke
ich mich lieber schnell und gehe demjenigen aus dem Weg, der vielleicht böse auf mich
ist."
"Du hast recht, Jakob, einfach ist es nicht. Aber doch birgt dieser Weg ein großes
Geschenk in sich: Das ist die Vergebung. Erinnere dich an die Geschichte aus dem
Lukasevangelium. Hat die Sünderin sich in ihrer Schmach etwa in die Einsamkeit
geflüchtet? Nein - zu Jesus ist sie gekommen, weinend hat sie sich dem Mann genähert,
der frei von jeder Sünde war. Und was geschah dann? Mit den Tränen, die sie über ihre
Schuld vergoss, bekannte sich die Frau zu ihren Sünden. Das Weinen ob der auf ihr
lastenden Schuld verwandelte sich in einen Segen, als die Sünderin die von ihren Tränen
benetzten Füße Jesu wusch und trocknete. Und da erkannte Jesus, dass diese Frau
innerlich sprach: Ja, Herr, ich habe gesündigt; ja, Herr, mein Sinn hat sich gewandelt,
so dass ich nun nicht mehr Schuld auf mich laden will. Und er schenkte dieser Frau ein
neues Leben, indem er sagte, dass ihre vielen Sünden vergeben sind."
"Das also ist die Vergebung der Sünde, Jakob: Dass du den Menschen, der dich verletzt hat, neu in dein Leben aufnimmst, dass du ihm einen Weg weist, ein Engel für dich zu sein, dass du selbst deine Flügel bejahend und beschützend über ihn ausbreitest."
"Und hat
diese Frau, die du so verletzt hast, dich damals neu in ihr Leben aufgenommen, Großvati?
Seid ihr einander zwei Engel geworden, die sich gegenseitig behüten und
beschützen?"
"Ja, Jakob, das Schlechte, das ich getan hatte, hatte sich schlussendlich zum Guten
gewendet. Darin bin ich beschenkt worden, dass diese Frau mir ein schützender Engel
geworden ist; darin bin ich beschenkt worden, dass ich dieser Frau ein behütender Engel
sein durfte. Und, Jakob, ich erlebe dieses Geschenk jeden Tag neu."
Ich schloss mein Buch, küsste den kleinen Jakob auf die Stirn, strich ihm durch sein
strohblondes Haar. "Es ist Zeit, ins Bett zu gehen. Schlafe nur gut, du neugieriger
kleiner Mann! Ich will die Großmama holen; bestimmt will sie dir auch noch eine gute
Nacht wünschen. Ich hab dich lieb, du kleiner Engel. Der Herr, er begleite und behüte
dich in deinen Träumen. Amen."
Matthias
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